Oberfränkische Erfolgsgeschichte – wie Carolin Schuberth mit ihren Waschies von Kulmbach aus die Welt erobert

Oberfränkische Erfolgsgeschichte - wie Carolin Schuberth mit ihren Waschies von Kulmbach aus die Welt erobern will

In der Kulmbacher Innenstadt gibt es die Waschies zu kaufen. Inhaberin Carolin Schuberth berät gerne.

Kulmbach. Die Nachwuchsmodels  von Heidi Klum hielten sie schon vor laufender Kamera in der Hand, auch Unternehmer Ralf Dümmler ließ sich in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ von ihnen begeistern und entschied sich für ein Invest. Bis die Waschies nationale und internationale Bekanntheit erreichen, ist es jedoch ein weiter Weg, der seinen Anfang im Jahr 2015 nimmt – in Kulmbach. 

Nach der Geburt ihrer Tochter Valerie stellt Mutter Carolin Schuberth schnell fest, dass die alltägliche Reinigung mit Feuchttüchern Probleme hervorruft. Das Kind leidet unter Hautirritationen. Zudem ist die Verwendung herkömmlicher Tücher alles andere als umweltfreundlich. Also entscheidet sich Schuberth selbst ein geeignetes Produkt zu entwickeln – hypoallergen, wiederverwendbar und weich genug für zarte Babyhaut. Doch so ein Produkt lässt sich ohne Expertise und professionelle Hilfe kaum selbst herstellen. Den entscheidenden Tipp gibt Caroline Schuberths Mutter.

Carolin Schuberth hat Internationales Management studiert, bei Banken gearbeitet und eine Werbeagentur gegründet.

Mit dem von der Mutter entworfenen Muster in der Tasche wird Schuberth bei einer Weberei in der Nähe vorstellig. Fünf Meter sollen dort nach ihren Wünschen hergestellt werden. Fünf Meter? In solchen Größenordnungen denkt in dem Unternehmen niemand. 300 Meter sind die Mindestnorm. Denkt Schuberth heute an diesen Moment zurück, muss sie lachen. Und auch damals, im Jahr 2015, lässt sie sich von der Größenordnung nicht abschrecken. Dann halt 300 Meter. 

Sie kauft eine Nähmaschine, stellt das Gerät in ihrer Agentur ab und fängt an zu nähen. „Die ersten Prototypen haben wir in der Familie verschenkt“, erzählt Schuberth. Doch das ist natürlich nur der Anfang. Die Marketingfachfrau entwirft ein Logo, lässt sich einen Namen schützen und designet Verpackungen. Ende 2016 schaltet sie ihren Onlineshop frei. Die Unternehmerin stellt schnell fest, dass die Waschies nicht nur ein Produkt für Kleinkinder sind, sondern sich auch ideal zum Abschminken eignet. Also näht sie entsprechende Pads und erweitert ihr Sortiment. 

Waschies gibt es in verschiedenen Farben. Sie lassen sich bei 95 Grad waschen und sind dadurch wiederverwendbar.

Zwar erfreuen sich die Waschies großer Beliebtheit und die Umsätze steigen, doch der große Verkaufserfolgt bleibt aus. Also, so erzählt es Schuberth heute, will sie es zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Marcella Müller auf der ganz großen Bühne probieren. Die Frauen bewerben sich bei der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ – und werden eingeladen, ihre Geschäftsidee vor fünf Investorinnen und Investoren sowie laufender Kamera zu präsentieren. Mit Erfolg. Die flauschigen Kissen wecken das Interesse von Unternehmer Ralf Dümmel. Im Gespräch betont Schuberth:

„Der Unterschied zu unseren Konkurrenten ist, dass die Waschies echte Qualitätsprodukte sind.“

Weben, Färben, Nähen – die Produktion findet weitgehend in Oberfranken statt, nur ein kleiner Teil in Asien. In den deutschsprachigen Ländern gehöre der wiederverwendbare Waschlappen inzwischen zu den „Lieblingsprodukten“, erzählt Schuberth. Auch woanders in Europa sowie in Teilen des Mittleren Ostens werden Waschies verkauft. Als nächstes sollen die Produkte, zu denen eine eigene Kinderlinie gehört, den südkoreanischen Markt erobern. Ein großes Ziel, das demnächst in Angriff genommen wird, sind die USA.

Das Erfolgsrezept ist einfach und international verständlich. Mit den Waschies und wenig Wasser lässt sich Schminke innerhalb weniger Sekunden abwaschen.

Doch wie kam es überhaupt zu dem Name? „Der kommt von meinen Kindern. Die haben sofort gesagt, dass das doch Waschies seien“, erzählt Schuberth. Groß war dann die Freude, als vor zwei Jahren die Waschies ihren ganz großen Auftritt hatten. Bei Germanys Next Topmodel hielten Heidi Klums beste 

Posted by Till Börner in Unser Oberfranken

Mit allen Lappen gewaschen

Wasser ist zum Waschen da – das gilt in der Bierhauptstadt Kulmbach besonders. Neu ist dort allerdings, dass schon das Wasser allein zum Sauberwerden reicht.

Waschies in Kulmbach

„Es ist, wie es immer ist, und alles ganz einfach.“ Was ein bisschen schlicht klingt, beschreibt eine Kulmbacher Firma, die weder das Eine, noch das Andere ist, denn Caroline Schuberth macht die Dinge weder „wie immer“ noch „einfach“. Aber sie kann beides: Lakonisch und leidenschaftlich, London und lokal.

Und „lokal“, das heißt in diesem Fall Oberfranken, präziser Kulmbach. Denn hierher kehrte die studierte Marketing-Fachbereich nach Stationen bei Großbanken in Frankfurt und London zurück, mit der Idee, ihre Aufgabe daraus mitzunehmen, nicht aber die Zwänge und Einschränkungen im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

„London ist toll, wenn man Single ist“

Das war vor vor als einem Jahrzehnt, wenn Caroline Schuberth heute über Kulmbach spricht, dann klingt das warm, selbstverständlich, so wie jemand spricht, der genau weiß, wo er hingehört. „Ich bin selbst sehr ländlich aufgewachsen, und genau das wollte ich für meine Kinder auch“, sagt sie, mit Blick zurück auf eine Zeit in gläsernen Banktowern an Main und Themse.

Da die Kinder schon mehr oder weniger konkretes Ziel waren, und die Banken ihre fähige Marketingmitarbeiterin auch in einer Zeit nicht verlieren wollten, in der remote, in der Provinz sitzen und Life-Work-Balance in der konservativen Finanzbranche noch nicht selbstverständlich waren, packte Caroline ihre Koffer und kehrte zurück nach Oberfranken.

Agenturstart mit gefülltem Auftragsbuch

Im Gepäck nicht nur britische Souveniers, sondern vor allem einen bereits gefülltes Auftragsbuch, das den Start der eigenen Agentur – „Essence“ gibt es auch heute noch – sehr erleichterte. Von da an funktionierte vieles nach Plan, die Kinder kamen und wuchsen im beschaulichen Kulmbach auf, sicher, behütet, auf kurzen und vertrauten Wegen.

Doch dann – Caroline dazu „Es ist, wie es immer ist“ – war es die Abweichung von der Norm, das Spezialding, das dafür sorgte, dass die Unternehmerin die nächste Kurve in Richtung Innovation gelang: Die 2015 geborene Tochter litt an Neurodermitis – und zur Überraschung der Mutter herrschte ein Mangel an tauglichen Textilien.

„Es kann doch nicht sein, dass es so etwas nicht gibt!“

Doch der währte nicht lang, denn durch die Verbindnung von Weber-Know-how – die Großmutter war vom Fach – Bedarf und Unternehmergeist enstanden kurz darauf die „waschies“: Ursprünglich Waschlappen, auf eine besondere Weise aus speziellen Fasern gewebt, hochfunktonional und hygiensich, da auf 95 Grad waschbar.Kulmbach als Zentrale

Eigentlich als Sonderanfertigung für den Privatgebrauch gedacht, ließ die Größenordnung – 300 Meter Mindestabnahmemenge seitens der Weberei –  dies nicht zu, für Caroline Schuberth, keine Frage: „Da machen wir was draus.“

Heute, einige Jahre später, beschäftigt die waschies GmbH in Kulmbach acht Mitarbeitende, arbeitet nach viel Entwicklungs- und Marketingaufwand inzwischen kostendeckend und ist auf Expansionskurs.

Von Kulmbach in die Welt

So gibt es waschies inzwischen nicht mehr nur als Waschlappen, sondern auch als wieder verwendbare Abschminkpads, als Auftragepads und in diversen Variationen und Formen. Fast ebenso bunt ist die Produkte ist die Kundschaft: junge Frauen und Kinder, Hebammen und Pflegekräfte.

Waschen, waschen, waschenDer Vertrieb funktioniert weitestgehend online, über die sozialen Medien, doch auch in Kulmbach gibt es seit einiger Zeit ein Ladengeschäft. Es ist mehr Showroom als Umsatzbringer, öfter Videokulisse als Verkaufstresen, eher Fotostudio als Fachgeschäft.

Hier trifft man Caroline Schuberth, wenn sie zwischen Instastory-Dreh und Korea-Telefonat, von Kamerafrau zu Paketboten, vom Showwaschbecken zum Schreibtisch wirbelt. Denn sie hat noch eine ganze Menge vor, die Frau aus Kulmbach, die die weite Welt kennt, Bier trinkt, und sich mit Wasser nur wäscht.

Posted by Alexandra Buba in Unser Oberfranken
Im Familientreff werden Wünsche wahr

Im Familientreff werden Wünsche wahr

Mehrgenerationenhaus

Das Mehrgenerationenhaus in Kulmbach bietet auf vier Stockwerken viel Platz für Kinder und Erwachsende.

Kulmbach. Weihnachten verbinden viele Kinder mit Geschenken unterm Tannenbaum. Doch manche müssen darauf verzichten. Weil die Familie in schwierigen sozialen Verhältnissen lebt. Initiativen wie die jährliche Wunschzettel-Aktion der Geschwister-Gummi-Stiftung und der Diakonie sind deshalb besonders wichtig. Auch in diesem Jahr lassen sich dank Spenden viele  Wünsche erfüllen. 

Die Geschwister-Gummi-Stiftung setzt sich seit über 150 Jahren für das Wohl von Kindern, Jugendlichen und Familien ein. Zu den richtungsweisenden Projekten zählt der Familientreff im Kulmbacher Mehrgenerationenhaus. Zum Angebot gehören ein kinderfreundliches Café, Elternkurse, Mütterzentrum und Sportveranstaltungen. Erwachsene haben die Möglichkeit, sich über Erziehungsthemen auszutauschen. Rentner und Jugendliche können in der Werkstatt Ideen umsetzen oder im Second-Hand-Shop mitarbeiten. So entstehen Chancen für generationenübergreifende Dialoge. Gespräche über Kenntnisse, Erfahrungen und Lebensfragen.

Kinder finden in den Wohngruppen vorübergehend ein Zuhause, wenn es in der Familie zu Konfliktsituationen kommt. Das Ziel: Sie sollen sich gesund und behütet entwickeln können; idealerweise entstehen daraus sichere Bindungen. Die Wohngruppen erfüllen die Aufgabe, für Kinder in belastenden und dramatischen Lebenslagen eine beschützende Atmosphäre zu schaffen. Fachpersonal begleitet diesen Prozess mit Krisenintervention, Diagnostik, individueller Therapie und Perspektivenförderung. Langfristig soll die Bindung zwischen Kindern und Eltern stabil und verlässlich werden, ein Zusammenleben wieder möglich sein. 

Highlights der letzten Jahre im Mehrgenerationenhaus

Auch Hort, Ganztagsschule und Mittagsbetreuung zählen zum Angebot der Geschwister-Gummi-Stiftung. Bildung, Betreuung und Erziehung stehen im Fokus. Soziale Fachkräfte hören den Schülern zu. Sie spielen mit ihnen, nehmen die Bedürfnisse der jungen Menschen ernst und begleiten sie in ihrem Alltag. Hausaufgaben-Hilfe, Naturerlebnisse, Musik- und Sportunterricht – jedes Kind soll individuell die passende Beschäftigung finden. Auch in den Ferien. 

Für die Umsetzung der sozialen Projekte sind die Initiatoren auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. Noch bedeutender: staatliche Förderung. Diese wurde Anfang des Jahres für acht weitere Jahre genehmigt. Das neue „Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus. Miteinander – Füreinander“ stützt das Projekt mit jährlich 40.000 Euro. Eine Bestätigung für das Konzept des Mehrgenerationenhauses.  

„Wir unterstützen unsere Familien, Alleinstehende, Paare, jüngere und ältere Menschen. So gut es geht, damit wir alle gestärkt aus dieser Zeit herauskommen, um dann wieder neu durchzustarten“

Elsbeth Oberhammer, Leiterin des Familientreffs, ist optimistisch, trotz der pandemiebedingten Probleme während der vergangenen zwei Jahre. Bundesweit gibt es über 530 vergleichbare Einrichtungen. Zu ihren Befürworterinnen zählt die ehemalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey: 

 „Die Mehrgenerationenhäuser sollen dazu beitragen, gute Entwicklungschancen und faire Teilhabemöglichkeiten zu schaffen – für alle Menschen, die in Deutschland leben. Gleichwertige und bessere Lebensverhältnisse fangen im Konkreten mit der Begegnung von Menschen an.“ 

Ein Projekt der Senioren-Werkstatt: Die Krippe für den Innenhof
Bücher-Station im Familientreff

Posted by Jennifer Schnell in Genuss & Leben, Jennifer Schnell, Unser Oberfranken
Schuften im Schlaraffenland

Schuften im Schlaraffenland

Wie sieht der Arbeitsalltag in einer Pralinen-Manufaktur aus?

Posted by Michael Winkel in Essen & Trinken, Genuss & Leben, Unser Oberfranken
„Das Ziel ist auf jeden Fall, dass wir im regionalen Markt bleiben“

„Das Ziel ist auf jeden Fall, dass wir im regionalen Markt bleiben“

Ich treffe mich mit dem Braumeister der Brauerei Haberstumpf in Trebgast. Die Brauerei fällt mit ihren außergewöhnlichen Flaschen und einem innovativen Konzept auf. Die Brauerei in Trebgast befindet sich in einem alten Brauhaus. Das Sudhaus besteht schon seit vielen Generationen. Hier wird das Brauen noch mit der Hand durchgeführt. Aber auch der Umstand, dass der Besitzer wechselte und das viel erneuert wird, gibt Raum für Kreativität.

Posted by Karsten Babucke in Essen & Trinken, Genuss & Leben, Karsten Babucke, Unser Oberfranken
Feuerwasser aus dem Fichtelgebirge

Feuerwasser aus dem Fichtelgebirge

Not macht erfinderisch. Weil die Brauerei Haberstumpf nur noch schwer über die Runden kam, übernahm 2019 ein Investor das Unternehmen. Der modernisierte nicht nur Sudhaus und Braukeller, sondern auch das Sortiment. Jetzt kommt Whiskey aus Trebgast.

Posted by Karsten Babucke in Essen & Trinken, Karsten Babucke, Orte & Freizeit, Unser Oberfranken
Erfolgreich in der Marktlücke

Erfolgreich in der Marktlücke

Kleine Privatbrauereien müssen ihr Heil in der Nische suchen. Dann bestehen sie auch im harten Konkurrenzkampf gegen die Biergiganten. Wie das funktioniert, zeigt die Brauerei Haberstumpf in Trebgast. Ein Unternehmen, das für traditionelles Brauhandwerk steht. Es entwickelt aber auch Ideen. Der Mix entscheidet: Tradition und Innovation.

Posted by Karsten Babucke in Essen & Trinken, Karsten Babucke, Unser Oberfranken
Braukunst 4.0 im historischen Ambiente

Oberfranken hat die größte Brauereidichte Deutschlands. Viele Dörfer haben mindestens eine Brauerei. Auf dem Biermarkt herrscht Konkurrenzkampf. Großbrauereien kaufen kleine Betriebe auf. Wer in diesem Wettbewerb überleben möchte, muss kreativ werden und mit der Zeit gehen. In Kulmbach ist die Brauerei AG ansässig, einen Ort weiter in Trebgast die Brauerei Haberstumpf. Mit neuen Ideen blickt das Team in die Zukunft.

Posted by Karsten Babucke in Essen & Trinken, Genuss & Leben, Orte & Freizeit, Unser Oberfranken
„Ich bin auf der Reise geboren und ich werde auf der Reise sterben.“

„Ich bin auf der Reise geboren und ich werde auf der Reise sterben.“

Kevin Pazdera ist seit 2019 selbstständig. Er reist mit zwei
fabrikneuen Retrofoodtrucks durch die Region. Vom Coburger
Weihnachtsmarkt bis hin zur Michaeliskirchweih nach Fürth.
Pazdera stammt aus einer großen Schaustellerfamilie mit über 30
Angestellten. Eigentlich gibt es ihn aber schon viel länger auf dem
Weihnachtsmarkt.


Seit wann sind sie auf dem Coburger Weihnachtsmarkt und wie hat sich dieser über die Jahre verändert?
Ich selbst bin seit 2019 auf dem Weihnachtsmarkt, meine Eltern seit 45 Jahren. Wir haben alle Varianten mitgemacht: Von unserem eigenen Imbiss 1976 bis hin zu den Stadthütten. Der Weihnachtsmarkt hat auch schon am Schlossplatz stattgefunden.
Seit er am Marktplatz stattfindet, ist er einer der schönsten in unserer Region.


In dieser Zeit haben Sie sicher spannende Geschichten erlebt. Ist Ihnen da was Besonderes in Erinnerung geblieben?
Geschichten gibt es mehr als genug. Gute und schlechte. Das schönste für uns ist es dem Besucher ein paar schöne Stunden zu bereiten. Sie sollen den Alltag vergessen und einfach nur Spaß haben. Egal wie stressig es für uns ist oder wie unhöflich auch einzelne Kunden sein mögen. Franz Josef Strauß hat mal gesagt und das ist unser Leitfaden: „Lärm, der von einer Kirmes ausgeht, ist kein Lärm, sondern ein Ausdruck von Lebensfreude“.


Und gibt es bei diesem „Lärm“ auch gefährliche Situationen?
Sowas kommt in der Tat ab und zu vor, aber bei uns selbst Gott sei Dank noch nie. Schausteller achten sehr darauf, eine brenzlige Situation so schnell wie möglich aufzulösen.


Gab es für Sie als „Schaustellerkind“ je einen anderen Berufswunsch oder war immer klar: Das möchte ich auch!
Ich bin auf der Reise geboren und ich werde auf der Reise sterben.
Trotz meiner Ausbildung zum Elektiker war mir schon immer klar: Auch ich werde Schausteller. Dieser Job funktioniert nur, wenn man ihn mit Herzblut macht. Seit 2018 bin ich in einer neuen Beziehung, mit einer Frau die meine Leidenschaft für die Schaustellerei teilt. Sie könnte sich auch nichts anderes mehr vorstellen. Auch wenn die Zeiten für uns immer schwieriger werden. Viel Arbeit. Wenig Freizeit.


In den letzten zwei Jahren musste die „Reise“ ja pausieren: Können Sie uns
einen Einblick in diese Zeit geben?

Die letzten zwei Jahre waren für uns die Hölle. Es gibt nur minimale Hilfen, unsere Unkosten bleiben aber gleich. Als Beispiel: Man nimmt jemanden 90% seines Gehaltes weg und er soll gleichzeitig so Leben wie bisher. Alle Unkosten bleiben nämlich unverändert. Und vieles wird sogar teurer. Allen Schaustellern ergeht es so.
Es gab zwar in den vergangenen beiden Jahren riesige Veranstaltungen, aber Volksfeste waren verboten. In dieser Zeit habe ich mit meiner Firma Verluste in sechsstelliger Höhe gemacht. Das werden wir wohl nie wieder ausgleichen können.

Und haben Sie sich in der Zeit überlegt was anderes zu machen?
Einen neuen Job annehmen ist nicht möglich. Ab und an gibt es doch kleinere Veranstaltungen, die man annehmen muss. Wenn man diese nicht wahrnimmt, verschwindet man eben ganz von der Bildfläche.


Deshalb haben Sie sich auch entschieden ihren Stand an der diesjährigen
Version des Weihnachtsmarkts aufzubauen: Wie läuft es am neuen Standort?

Es läuft ganz gut. Wir können ein bisschen Geld verdienen und so doch die ein oder andere Rechnung bezahlen. Aber kein Vergleich zum Weihnachtsmarkt. Wir haben investiert, um unsere Geschäfte aufzumöbeln und Ware zu bestellen. Dann fällt es der Regierung kurzfristig ein, dass Weihnachtsmärkte nicht stattfinden dürfen. Da ist für uns eine Welt zusammengebrochen. Uns fehlt die Perspektive wie es
weitergehen soll. Es wird wohl mit Sicherheit 2022 auch keine Volksfeste geben und unsere Schulden werden ins Unermessliche steigen. Es ist auch nicht gerecht, dass wir schon um 18 Uhr schließen müssen während die „Normale“ Gastro bis 22 Uhr öffnen darf.


Was wünschen Sie sich für das Jahr 2022?
Wir Schausteller wünschen uns, dass das alles endlich ein Ende hat. Wir wünschen uns, dass Volksfeste wieder erlaubt werden, wir wieder arbeiten dürfen und wir endlich wieder unser Leben leben können.

Kevin Pazdera bei der Arbeit am neuen Standort Albertsplatz
„Uns fehlt die Perspektive wie es weitergehen soll“

Posted by Willy Rebhan in Unser Oberfranken
Ein soziales Projekt im Kampf gegen die Bürokratie

Ein soziales Projekt im Kampf gegen die Bürokratie

Das Mehrgenerationenhaus in Kulmbach ist ein Segen für die ganze Region. Vorbildlich kombiniert die Einrichtung Kinderbetreuung, Integration und Angebote für Senioren. Beispielgebend. Richtungsweisend. Ganzheitlich. Doch die Förderung lässt zu wünschen übrig. Was der Leiterin die Arbeit erschwert: Ein Wust an Bürokratie, zu wenig Geld, zu viele unklare Regeln. Fast jeder Antrag gleicht einer wissenschaftlichen Arbeit. Das muss sich deutlich bessern. 

Dabei hat dieses Projekt so viel Nutzen und Mehrwert für gesellschaftliche Randgruppen zu bieten. Ehrenamtliche Sprachpaten unterstützen Geflüchtete bei Alltagsfragen. Sie helfen bei schulischen Angelegenheiten, bereiten auf Deutschprüfungen vor oder telefonieren mit Ämtern und potenziellen Arbeitgebern. Die Liste ließe sich endlos fortführen.

Kurzum: Von dem, was die Kulmbacher Institution leistet, profitieren viele benachteiligte Menschen. Das Klima dort wirkt herzlich und eröffnet Perspektiven. Die geflüchteten Frauen fühlen sich sichtlich wohl in der vertrauten Atmosphäre mit den Sprachpaten. Ein weiterer Vorteil: Ihre Kinder werden nicht als störend empfunden, sondern sind willkommen. So gelingt Integration. 

Das Konzept bietet einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen. Das sollten staatliche Stellen auch angemessen honorieren. Mit einer Förderung, die für die Aufgaben ausreicht. Vor allem gilt es, die Anträge zu vereinfachen.

Laut einer bundesweiten Umfrage unter ehrenamtlichen Kräften vergeuden diese rund zwei Drittel ihrer Arbeitszeit mit Bürokratie. Auch die Datenschutz-Grundverordnung hat zusätzlichen Aufwand erzeugt.

In Summe eine Zumutung. Demotivierend. Nervig. Zeitraubend.

Ist es nicht so, dass die vormalige Große Koalition sich die Stärkung der Zivilgesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben hatte? Die Realität: Für Initiatoren ist es oft schwer zu durchschauen, ob sie ihre Förderung auf Länder- oder Bundesebene beantragen müssen. Besser wäre eine große bundesweite Förderung, auf die alle sozialen Projekte Anspruch haben. Zudem ist das Mehrgenerationenhaus auf Spenden angewiesen. Von den Fördergeldern allein würde sich das Projekt nicht tragen. Daher muss der Bund ein deutlich größeres Fördervolumen bereitstellen und den Verwaltungsaufwand deutlich reduzieren. Nur dann werden mehr solcher Projekte entstehen. Und nur dann können davon mehr benachteiligte Menschen profitieren. Für die künftige Ampelkoalition sollte dies zur Pflichtaufgabe werden.

Ordner voll bürokratischer Pflichtaufgaben


Posted by Jennifer Schnell in Genuss & Leben, Jennifer Schnell, Unser Oberfranken