Willy Rebhan

Crossmedia Journalist
Crossmedia Journalist
„Ich bin auf der Reise geboren und ich werde auf der Reise sterben.“

„Ich bin auf der Reise geboren und ich werde auf der Reise sterben.“

Kevin Pazdera ist seit 2019 selbstständig. Er reist mit zwei
fabrikneuen Retrofoodtrucks durch die Region. Vom Coburger
Weihnachtsmarkt bis hin zur Michaeliskirchweih nach Fürth.
Pazdera stammt aus einer großen Schaustellerfamilie mit über 30
Angestellten. Eigentlich gibt es ihn aber schon viel länger auf dem
Weihnachtsmarkt.


Seit wann sind sie auf dem Coburger Weihnachtsmarkt und wie hat sich dieser über die Jahre verändert?
Ich selbst bin seit 2019 auf dem Weihnachtsmarkt, meine Eltern seit 45 Jahren. Wir haben alle Varianten mitgemacht: Von unserem eigenen Imbiss 1976 bis hin zu den Stadthütten. Der Weihnachtsmarkt hat auch schon am Schlossplatz stattgefunden.
Seit er am Marktplatz stattfindet, ist er einer der schönsten in unserer Region.


In dieser Zeit haben Sie sicher spannende Geschichten erlebt. Ist Ihnen da was Besonderes in Erinnerung geblieben?
Geschichten gibt es mehr als genug. Gute und schlechte. Das schönste für uns ist es dem Besucher ein paar schöne Stunden zu bereiten. Sie sollen den Alltag vergessen und einfach nur Spaß haben. Egal wie stressig es für uns ist oder wie unhöflich auch einzelne Kunden sein mögen. Franz Josef Strauß hat mal gesagt und das ist unser Leitfaden: „Lärm, der von einer Kirmes ausgeht, ist kein Lärm, sondern ein Ausdruck von Lebensfreude“.


Und gibt es bei diesem „Lärm“ auch gefährliche Situationen?
Sowas kommt in der Tat ab und zu vor, aber bei uns selbst Gott sei Dank noch nie. Schausteller achten sehr darauf, eine brenzlige Situation so schnell wie möglich aufzulösen.


Gab es für Sie als „Schaustellerkind“ je einen anderen Berufswunsch oder war immer klar: Das möchte ich auch!
Ich bin auf der Reise geboren und ich werde auf der Reise sterben.
Trotz meiner Ausbildung zum Elektiker war mir schon immer klar: Auch ich werde Schausteller. Dieser Job funktioniert nur, wenn man ihn mit Herzblut macht. Seit 2018 bin ich in einer neuen Beziehung, mit einer Frau die meine Leidenschaft für die Schaustellerei teilt. Sie könnte sich auch nichts anderes mehr vorstellen. Auch wenn die Zeiten für uns immer schwieriger werden. Viel Arbeit. Wenig Freizeit.


In den letzten zwei Jahren musste die „Reise“ ja pausieren: Können Sie uns
einen Einblick in diese Zeit geben?

Die letzten zwei Jahre waren für uns die Hölle. Es gibt nur minimale Hilfen, unsere Unkosten bleiben aber gleich. Als Beispiel: Man nimmt jemanden 90% seines Gehaltes weg und er soll gleichzeitig so Leben wie bisher. Alle Unkosten bleiben nämlich unverändert. Und vieles wird sogar teurer. Allen Schaustellern ergeht es so.
Es gab zwar in den vergangenen beiden Jahren riesige Veranstaltungen, aber Volksfeste waren verboten. In dieser Zeit habe ich mit meiner Firma Verluste in sechsstelliger Höhe gemacht. Das werden wir wohl nie wieder ausgleichen können.

Und haben Sie sich in der Zeit überlegt was anderes zu machen?
Einen neuen Job annehmen ist nicht möglich. Ab und an gibt es doch kleinere Veranstaltungen, die man annehmen muss. Wenn man diese nicht wahrnimmt, verschwindet man eben ganz von der Bildfläche.


Deshalb haben Sie sich auch entschieden ihren Stand an der diesjährigen
Version des Weihnachtsmarkts aufzubauen: Wie läuft es am neuen Standort?

Es läuft ganz gut. Wir können ein bisschen Geld verdienen und so doch die ein oder andere Rechnung bezahlen. Aber kein Vergleich zum Weihnachtsmarkt. Wir haben investiert, um unsere Geschäfte aufzumöbeln und Ware zu bestellen. Dann fällt es der Regierung kurzfristig ein, dass Weihnachtsmärkte nicht stattfinden dürfen. Da ist für uns eine Welt zusammengebrochen. Uns fehlt die Perspektive wie es
weitergehen soll. Es wird wohl mit Sicherheit 2022 auch keine Volksfeste geben und unsere Schulden werden ins Unermessliche steigen. Es ist auch nicht gerecht, dass wir schon um 18 Uhr schließen müssen während die „Normale“ Gastro bis 22 Uhr öffnen darf.


Was wünschen Sie sich für das Jahr 2022?
Wir Schausteller wünschen uns, dass das alles endlich ein Ende hat. Wir wünschen uns, dass Volksfeste wieder erlaubt werden, wir wieder arbeiten dürfen und wir endlich wieder unser Leben leben können.

Kevin Pazdera bei der Arbeit am neuen Standort Albertsplatz
„Uns fehlt die Perspektive wie es weitergehen soll“

Posted by Willy Rebhan in Unser Oberfranken
Tristesse statt Lichterglanz

Tristesse statt Lichterglanz

Von Willy Rebhan

In ganz Bayern hatten sich Menschen auf ihren Weihnachtsmarkt gefreut. Freunde treffen. Glühwein trinken. Leckereien genießen. Doch erneut die Enttäuschung. Bayernweit sind alle Weihnachtsmärkte abgesagt. Auch im Herzen von Coburg herrscht Tristesse statt Lichterglanz. Doch diese Entscheidung ist nicht nachvollziehbar. Soviel Doppelmoral schwer erträglich .

Klar, die Inzidenzen und Fallzahlen steigen weiter. Doch während Weihnachtsmärkte nicht einmal unter 2G-Plus-Regeln stattfinden dürfen, schert man sich andernorts wenig um die Pandemie. Beim Bundesliga-Spiel Köln gegen Gladbach sitzen, stehen und gröhlen mehr als 50.000 Menschen im Stadion. Ohne Abstand. Ohne Masken. Ohne Hemmungen. Klar, anderes Bundesland. Aber wieso muss angesichts einer deutschlandweiten Katastrophe wie Corona jede Landesregierung ihre eigenen Spielregeln durchdrücken?

In Bayern sind wir es gewohnt, immer die strengsten Auflagen zu haben. Es hatte sich schon angedeutet. Exakt einen Monat vor Heiligabend und eine Woche vor der geplanten Eröffnung die frostige Ansage: Der Coburger Weihnachtsmarkt ist abgesagt. Selbst die ausgeklügelten Maßnahmen der Stadt haben die Staatsregierung nicht überzeugt. Obwohl doch alles draußen, an der frischen Luft, stattgefunden hätte. Also nicht einmal dieses Hygienekonzept der Coburger, mit Netz und doppeltem Boden, reichte aus. Geimpfte und Genesene hätten sich sogar zusätzlich testen lassen.

Es wäre der richtige Schritt gewesen. Hin zum echten Leben. Und wieder trifft es diejenigen, die sich seit Beginn der Pandemie an alle Vorgaben halten. Abstand. Maske. Impfung. Trotzdem kein Weihnachtsmarkt. Doch ist das wirklich fair? Die Schausteller hatten bereits ihre Waren eingekauft und auf etwas Umsatz gehofft. Vor allem, weil sie bereits im vergangenen Jahr eine Nullnummer verkraften mussten. Viele Medien berichteten zurecht darüber, dass die Corona-Krise Künstler, Gastronomen und Selbstständige am härtesten trifft.

Nein, all das ist alles andere als fair. Und nochmals nein: Es war keine sinnvolle Entscheidung. Viele Coburger hatten sich auf ihren Weihnachtsmarkt gefreut. Nach knapp zwei Jahren Pandemie wäre das ein Signal der Hoffnung gewesen. Frei nach dem einstigen Trainer von Eintracht Frankfurt, Dragoslav Stepanovic. Jener pflegte nach Niederlagen zu sagen: „Lebbe geht weiter.“ Aber: Das Leben muss wohl noch ein bisschen warten. Solange, bis Politiker nicht nur panikartig reagieren, sondern ein Gespür für die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger entwickeln.

Posted by Willy Rebhan in Unser Oberfranken
Coburger Weihnachtsmarkt im Pandemiebetrieb –<br>                                                                                        Plan C wie Christkind und Corona

Coburger Weihnachtsmarkt im Pandemiebetrieb –
Plan C wie Christkind und Corona

Von Willy Rebhan

Coburg – Kerzenschein. Glühweinaroma. Mandelduft. Normalerweise zählt der Coburger Weihnachtsmarkt zu den schönsten in ganz Deutschland. Doch in Pandemie-Zeiten herrscht auch hier Tristesse. Obwohl die Verantwortlichen alles versuchen. Und schließlich bei Plan C landen. Plan C wie Christkind und Corona.

Verschlossene Buden. Das Kopfsteinpflaster glänzt nass und dunkel. Eine bedrückende Kulisse. Einsam ragt ein Weihnachtsbaum aus dem historischen Marktplatz empor. Wenn nicht Corona über dem Land lastet, sind Ambiente und Angebot für die Besucher jedes Jahr ein Sinneserlebnis. Hier treffen sich Menschen, um gemeinsam zu schlemmen, zu feiern und die vergangenen Monate noch einmal Revue passieren zu lassen.

Doch auch heuer wird daraus nichts. Wie schon im vergangenen Jahr müssen die Besucher auf Geselligkeit und Besinnlichkeit verzichten. Die Staatsregierung hat alle Weihnachtsmärkte untersagt. Wegen Corona. Für die Besucher traurig, desaströs für Budenbetreiber und Schausteller. Ihr wirtschaftlicher Schaden ist monströs. Der Maroni-Rilke bringt es auf den Punkt: „Was ich sonst in einer Stunde verdiene, dafür brauche ich jetzt mehrere Tage.“

Oberbürgermeister Dominik Sauerteig leidet mit den Budenbetreibern und Besuchern. „Vor einem Vierteljahr noch hat die Staatsregierung verkündet, dass heuer alle Weihnachtsmärkte stattfinden können. Er erinnert an die emotionalen Debatten: „Wir Coburger wurden geprügelt.“ Denn die Stadt hatte von vornherein geplant, den Zugang zum Markt eindeutig zu regeln und zu kontrollieren. Das Fazit der Diskussionen: Nur Geimpfte oder Genesene sollten Zutritt haben, damit die Menschen im Marktbereich keine Masken tragen müssen. Damit wähnten sich die Verantwortlichen auf der sicheren Seite.

Ralf Pazderas Stand steht auf dem Albertsplatz. Er führt den Vorsitz der Sektion Coburg im Süddeutschen Schaustellerverband. „Wir sind mit den Nerven am Ende“, sagt er. Denn für ihn fühlt sich die Situation doppelt und dreifach verzwickt an. Schon vor Monaten hatte er die Bestellung für den Glühwein und Hunderte Liter Glühbier aufgegeben. Extra eingebraut für seinen Stand. Kürzlich traf der Glühwein bei ihm und seinem Sohn Kevin ein. Da schwante ihm schon, dass er zu viel geordert hat. Seit dem 1. Dezember darf nun endlich verkauft werden. Der Geruch des Heißgetränks steigt verführerisch in die Nase. Dennoch Geselligkeit gleich null. Denn Trinken am Stand ist untersagt. Der Glühwein kommt in Flaschen auf den Tresen. „To-Go“.

Es gab auch mal einen Plan B. Er sah einen fast normalen Betrieb vor. Nur ganz so voll wie in den Vorjahren sollte es am Marktplatz nicht sein. Lediglich 1200 Personen wollte die Stadt gleichzeitig im Marktareal zulassen. Selbst als die Absage klar und unumstößlich war, suchten Verwaltung und Marketing nach Alternativen. Sauerteig ließ prüfen, ob nicht wenigstens ein Verkaufsmarkt möglich wäre. Im Hinterkopf hatte er vor allem die Händler. Sie drohten erneut auf ihrer Ware sitzen zu bleiben. Doch auch Plan B war rechtlich nicht umsetzbar.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Stand von Ralf Pazdera verkauft Sandra Sturm Getränke aller Art: Glühwein, Kakao, Eierpunsch und Feuerzangenbowle. Trotz des nasskalten Wetters reicht die Schlange bis zur Markthalle. Die Standbetreiberin strahlt vor Freude. Seit 30 Jahren ist sie auf dem Coburger Weihnachtsmarkt dabei. Sie zählt schon fast zum Inventar. „Erzähl doch deinen Freunden, dass wir jetzt auch Glühwein mit Schuss verkaufen dürfen“, sagt sie zu einer Besucherin.
In ihrem Stand ist sie gut beschäftigt. Schenkt Glühwein aus. Bäckt leckere Crêpes. Kredenzt  Gulaschsuppe im Brotlaib.

Alternativ hat die Stadt den willigen Standbetreibern zumindest mal angeboten, Ihren Stand am Albertsplatz, Anger oder am Kaufhof aufzustellen. Originalton Stadtmarketing: „Diejenigen, die das wünschen, können ihre Bude in der Innenstadt aufbauen.“ So steht zum Beispiel das „Coburger Hexenhaus“ mit allerhand leckeren Naschereien am Anger.

Auch Familie Rilke hat ihren Stand am Ketschenanger platziert. Hier gibt es heiße Maroni. Die werden auf einem kleinen Kachelofen gebraten. So bleiben auch Standbetreiber und Besucher warm. In normalen Jahren der Renner auf dem Markt. Maria Rilke ist erleichtert, dass sie überhaupt mit dabei ist. „Die Freude war riesig.“  Allerdings läuft das Geschäft nur schleppend.

Ein ganzes Stück weiter, gefühlte 20 Minuten Fußmarsch, hat Miriam Lange ihren Stand platziert. Hier hängen riesengroße Schinken von der Decke. Eng an Eng. In der Theke liegen Dutzende Pasteten. Die Auswahl ist groß: von der Gans, vom Schwein, vom Rind – für jeden Geschmack. „Wir holen hier immer unsere Wurst für Weihnachten. Das ist schon Tradition bei uns“, berichtet eine Besucherin. Sie ist offenbar froh, ihre geliebte Pastete zum Familienfest genießen zu können.

Viele Besucher und Standbesitzer wirken trotz der widrigen Umstände zufrieden. Immerhin ist ihnen trotz der bayernweiten Absage ein Markterlebnis beschieden. Zwar sind die Wege weiter, aber die Freude über ein wenig Gesellschaft dafür umso größer. Vieles ist anders als sonst. Und doch verströmen Glühweinaroma und Mandelduft ein wenig Atmosphäre. Wenigstens Plan C ist aufgegangen.

Posted by Willy Rebhan in Arbeit & Leben, Unser Oberfranken
Coburger Weihnachtsmarkt – <br> Das Christkind schwebt digital ein

Coburger Weihnachtsmarkt –
Das Christkind schwebt digital ein

Von Willy Rebhan

Coburg –Der erste Glühwein macht Oberbürgermeister Dominik Sauerteig auch nicht fröhlicher. Obwohl er mit dem Christkind Marie Martin den traditionellen Coburger Weihnachtsmarkt eröffnet. Doch der Marktplatz ist verwaist. Keine Besucher. Kein Mandelgeruch. Keine Lichterketten. Die Eröffnungsfeier findet digital statt. Zum ersten Mal. Wegen der Pandemie. Da kommt kaum Stimmung auf.

„Dies stimmt uns sehr traurig. Der Coburger Weihnachtsmarkt ist ein Highlight im Veranstaltungskalender der Vestestadt.“ Bilanziert das Coburger Stadtmarketing, angesprochen auf die bayernweite Absage der Weihnachtsmärkte. Normalerweise präsentieren sich hier Dutzende von Schaustellern. Vier Wochen lang drängeln sich im Stadtzentrum Zehntausende.

Das bayernweite Verbot von Weihnachtsmärkten durch die Staatsregierung löste auch in Coburg Enttäuschung aus. Schon vorher war klar, dass zumindest die Eröffnungsfeier in diesem Jahr digital stattfinden sollte. Der Oberbürgermeister entschied in Abstimmung mit dem Stadtmarketing, den Bürgern zumindest ein bisschen Weihnachtsfeeling nach Hause zu bringen. Wegen der steigenden Fallzahlen hatte Sauerteig frühzeitig bestimmt, die Eröffnung vom Marktplatz in die Wohnzimmer zu verschieben.

Also diesmal keine Live-Atmosphäre, sondern nur „on demand“ – also jederzeit abrufbar. So kann es sich wenigstens jeder „Besucher“, wann immer er das sechsminütige Video abruft, gemütlich machen, den Glühwein erhitzen und zur Not auch mal auf Pause drücken, wenn das Telefon klingelt.

Ein bisschen Stimmung kommt trotzdem rüber. Der Kinderchor der Grundschule Neuses singt zur Eröffnung das Lied „Es ist für uns eine Zeit gekommen“. Im Hintergrund des Videos Coburger Panorama mit Blick auf die Ehrenburg und das Landestheater. Die Eröffnung ist in Form eines Dialogs aufgebaut, bei dem sich das Christkind und das Stadtoberhaupt über das Weihnachtsfest unterhalten.

Bei einer regulären Eröffnung hätte Marie Martin gerne „meinen Prolog über das Miteinander“ gehalten. „Darin geht es hauptsächlich um Liebe. Ich hatte die Bitte an alle Coburger, ihren Mitmenschen mehr Zuneigung und Herzlichkeit zu zeigen.“ Der Oberbürgermeister hätte seinen Bürgern gerne ein paar wohlmeinende Worte über die Bedeutung des Christfests mit auf den Weg gegeben. „An Weihnachten geht es auch ein Stück weit darum, sich auf das Gemeinsame zu besinnen.“ Sein Wunsch für die Adventszeit: „Die Gemeinschaft soll wieder mehr in den Vordergrund rücken. Weg vom Ich-bezogenen Denken. Hin zum Wir-Gefühl.“ Am Ende der virtuellen Eröffnungsfeier ertönt „Leise rieselt der Schnee“. Das macht dann doch noch ein wenig Lust auf Weihnachten.

Der Coburger Weihnachtsmarkt Podcast

Posted by Willy Rebhan in Arbeit & Leben, Unser Oberfranken