Kulmbach

Schneider Rakan Ali – Alles verloren und trotzdem nie aufgegeben

Schneider Rakan Ali – Alles verloren und trotzdem nie aufgegeben

Am Ende der Straße steht ein älteres, etwas düster wirkendes Haus. Der Putz an der Hauswand ist abgeplatzt, die grünliche Wandfarbe verblasst. Nur in der unteren Etage scheint es von Leben erfüllt zu sein. Von außen kann man die Silhouette einer etwa 1,65 Meter großen Gestalt im Schaufenster erkennen. Die grelle Beleuchtung im Erdgeschoss lässt die Schattengestalt entstehen. Beim Betreten des Ladens wird man von einem kleinen dunkelhaarigen Mann mit einem breiten Lächeln im Gesicht begrüßt. Er trägt ein Maßband um den Hals und steht hinter einem niedrigen, mit weißen Tüchern bedecktem Dresen. Der kleine Laden ist von Antiquitäten und Kunst übersäht. Wenn man sich in dem Raum genauer umsieht, entdeckt man in einem alten braunen Holzregal Töpfereien wie Teller und Tassen. An einer Wand hängen abstrakte Bilder und die Fensterbretter stehen voller Keramikfiguren. In der Ecke steht eine Schaufensterpuppe, die ein rotes, orientalisch aussehendes Gewand trägt. Die Kunst lässt den sonst sehr kühlen, weiß gestrichenen Raum, plötzlich warm und einladend wirken. Auf dem Tresen, hinter dem der Mann steht, stehen zwei Nähmaschinen. Hinter ihm hängt eine Kleiderstange voll mit Jacken, Hemden und Hosen. Direkt neben ihm steht eine Schneiderpuppe, die einen schwarzen langen Mantel trägt. Man könnte meinen, dieses Kleidungsstück sei für ihn besonders wertvoll. Immer wieder erklärt er anhand der Puppe seine Kunst. Der Mann, der über den etwa 15 Quadratmeter großen Raum wacht, ist Schneider Rakan Ali, der Besitzer einer kleinen Schneiderei in Kulmbach.

Er ist kein typischer Ladenbesitzer

Ali ist erst seit knapp vier Jahren in Deutschland und seit zweieinhalb Jahren in Kulmbach. Er ist somit kein typischer Ladenbesitzer in der Kulmbacher Innenstadt. In seiner neuen Heimat hat er sich und seiner Familie in kürzester Zeit ein ganz neues Leben aufgebaut. Als Flüchtling kam er in Kulmbach an, hat seinen Besitz in Syrien zurücklassen müssen und startete wieder bei null. Doch der Kurde kämpft und gibt nicht auf. Schnell wird er wieder zum Geschäftsmann. Rakan Ali ist ein Beispiel dafür, was Willensstärke bewirken kann. Der kleine Mann wirkt plötzlich ganz groß.

„Mein Sohn hat deutsche Polizei gesehen und war glücklich“

Zehn Tage lang haben Ali und seine Familie sechs Länder durchquert. Wenn er über seine Heimat Syrien und die Flucht spricht, scheint es ihm nicht gut zu gehen. Schlagartig wird aus dem sonst sehr positiven Menschen, der seine Kunden mit einem strahlenden Lächeln und festem Händedruck empfängt, ein zurückhaltender, leicht verunsicherter Mann. Sein Blick geht ins Leere, die Hände werden unruhig und das Lächeln versteckt sich hinter einer kühlen Fassade. Er spricht leiser. Im Jahr 2015 beschloss der 39-jährige mit seiner Frau und seinem Sohn die Heimat zu verlassen. Er erhoffte sich ein besseres Leben, weit weg von dem Bürgerkrieg in seinem Land. Nach zehn Tagen kamen sie in Deutschland an. „Mein Sohn hat deutsche Polizei gesehen und war glücklich“, sagt Rakan Ali in gebrochener deutscher Sprache. Es sei eine große Erleichterung für die drei Syrer gewesen, die Beamten zu sehen. Die Familie habe sich nach langer Zeit wieder sicher gefühlt.

„In Syrien musst du nicht lernen, da musst du einfach arbeiten gehen“

In Damaskus war der Kurde 20 Jahre lang als Schneider tätig. Er hat bei seinem Onkel den Beruf erlernt und später den Betrieb übernommen. „Ich hatte 20 Mitarbeiter“, erzählt der Familienvater stolz. Ein erfolgreicher syrischer Geschäftsmann. Eine abgeschlossene Ausbildung in seinem Beruf hat er nicht. „In Syrien musst du nicht lernen, da musst du einfach arbeiten gehen“, erklärt Ali. Der Syrer war mit voller Begeisterung Schneider. Er ist es immer noch. Wenn Ali heute seine alte Schneiderei mit der jetzigen vergleicht, setzt er ein verschmitztes Lächeln auf. Er gibt zu, dass es in Syrien einfacher war eine Schneiderei zu führen. „In Deutschland hast du viel mehr Papier“, sagt Ali und bezieht sich damit auf die strengen Vorlagen und die vielen Unterlagen, die man ausfüllen muss, um einen eigenen Laden zu eröffnen. Auch die Miete eines Ladens ist in Deutschland teurer. Trotzdem könne der Schneider Rakan Ali in Kulmbach nicht glücklicher sein: „Ich bin sehr zufrieden. Ich habe mehr Kunden als in Syrien und der Ort hier ist sehr schön.“

Auf engem Raum von den vielen Farben und Stoffen erschlagen

Ganz bescheiden und dennoch sehr stolz präsentiert er im Hinterzimmer, dem „Lagerraum“, seine vielen Stoffe. Auf engem Raum wird man von den vielen Farben und den verschiedenen Stoffarten schon fast erschlagen. Auch original syrische Stoffe sind dabei. Wenn Ali davon erzählt, wie er Kleidungsstücke umändert oder gar neu entwickelt, strahlen seine Augen, er beginnt zu gestikulieren und erklärt ins Detail genau, wie sein Handwerk funktioniert. Voller stolz holt er unter seinem Tresen eine Mappe vor und zeigt Bilder von einer Deutschland sucht den Superstar-Teilnehmerin, deren Kleid er designen durfte.

„Ich kann nichts anderes außer das“

Der 39-jährige Schneider Rakan Ali musste in seiner Heimat einiges zurücklassen. Von dem eigenen Geschäft, zwei Häusern und seinen Liebsten musste er sich verabschieden. Als er in Deutschland ankam absolvierte der Flüchtling zuerst einen Deutschkurs. Nach dem Kurs war dem 39-jährigen schnell klar: „Ich möchte arbeiten.“ Sein Wunsch war es, hier in Deutschland wieder selbstständig arbeiten zu können und das in seinem Handwerk, dem Schneidern. „Ich kann nichts anderes außer das“, gibt er zu. Mithilfe des Kulmbacher Künstlers Andreas Schoberth gründete Ali sein „Start up“. Der Künstler stellte dem Syrer vorrübergehend einen Teil seines Ateliers kostenlos zur Verfügung und lies ihn in Kulmbach Fuß fassen. Die Integration war ein voller Erfolg. Knapp zwei Jahre später steht Rakan Ali auf eigenen Beinen und eröffnet seine eigene Schneiderei.

„Für Familie. Die Zukunft hier ist besser“

Der mutige Geschäftsmann hat gegen den Rat vieler deutscher Ämter seinen Traum verfolgt und nie aufgegeben. Kein leichter Schritt. Mit der Unterstützung von Familie Schoberth führt Schneider Rakan Ali nun schon ein Jahr lang erfolgreich ein eigenes Geschäft. Wenn Rakan von Andreas und Margit Schoberth spricht, strahlt er, in seinen Augen kann man die Dankbarkeit gegenüber dem Ehepaar förmlich spüren. Die beiden Kulmbacher sind die Betreuer der Familie Ali. Die syrische Familie wollte sich hier in Deutschland integrieren und das hat sie geschafft. „Für Familie“, sagt der Syrer immer wieder. Sie stehe für ihn im Mittelpunkt. Seine Frau hat hier in Deutschland das zweite Kind zur Welt gebracht und arbeitet nun als Lehrkraft in einer Schule. Sein 9-jähriger Sohn spielt Fußball in einem örtlichen Verein und kann laut Ali schon perfekt Deutsch sprechen. „Viel besser als ich und meine Frau“, gibt der Schneider zu und lacht.

„Ich vermisse die Heimat, aber zurück möchte ich nicht“

„Ich vermisse die Heimat, aber zurück möchte ich nicht. Die Zukunft hier ist besser“, sagt er. Wenn er über seine neue Heimatstadt Kulmbach spricht, besiegt das Lächeln die sonst etwas nüchterne Fassade. Er fühlt sich sicher und gut aufgehoben. Hier kann er sich seine Zukunft vorstellen. Ein kleiner Mann, der große Ziele verfolgt.

Posted by Sarah Schmidt in Kindheit, Kindheit im Wandel der Zeit, Sarah Schmidt
Kindergärten Kulmbach – Im Wandel der Zeit

Kindergärten Kulmbach – Im Wandel der Zeit

Vom Flüchtlingslager auf der bekannten Plassenburg bis hin zum modernsten Kindergarten in ganz Kulmbach. Die Audioslideshow umfasst einen kurzen und dennoch prägnanten Teil in der Geschichte der oberfränkischen Kleinstadt Kulmbach: Den Wandel der Kitas. Einige Großeltern können sich noch sehr gut an die Zeit nach dem Krieg erinnern. Viele von ihnen wurden zuhause von der Mutter oder der Großmutter großgezogen. Ein paar Jahre später, in der nächsten Generation, war es schon üblicher, dass Kinder in den Kindergarten gingen. Dort wurden sie allerdings nicht nur von Erzieherinnen betreut, sondern häufig auch von Nonnen. Heute kann man sich all das gar nicht mehr so richtig vorstellen. Die Erzählungen von Mama, Papa, Oma und Opa sind zwar spannend, aber ein richtiges Bild vor Augen hat man trotzdem nicht. Dieses kurze Video soll einen kleinen Einblick in die Vergangenheit ermöglichen.

Kindergärten in Kulmbach

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Religion und Glaube – Im Wandel der Zeit

Religion und Glaube – Im Wandel der Zeit

Ein Interview mit Pfarrer Ulrich Winkler

Themenschwerpunkte im Interview:

Audioslideshow Petrikirche

Der Glaube im Wandel der Zeit

Woran kann es Ihrer Meinung nach liegen, dass Kinder heutzutage weniger Interesse an Religion zeigen?

Kinder haben heute nicht weniger Interesse an religiösen Fragen. Interesse hat man dann, wenn man die Relevanz einer Angelegenheit für sich selbst erkennt. Die Relevanz der religiösen Fragen ist menschlich jederzeit akut. Man stellt sich Fragen wie: „Woher komme ich?“, „Wer gibt mir einen Sinn und ein Ziel in meinem Leben?“, „Bin ich allein oder ist da jemand mit mir unterwegs?“, „Wohin gehe ich?“, „Warum müssen Menschen sterben?“, „Was bedeutet eigentlich Leben?“, „Wie können wir miteinander in Gemeinschaft leben?“, „Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ und vieles mehr.
Als meine älteste Tochter ein Kind war und eines unserer Haustiere starb, da war sie tieftraurig und weinte lange. Es half ihr, dass meine Frau mit ihr eine Beerdigung dieses Tieres mit einem Gebet vornahm. Das tröstete sie. Der Tod war so erstmals in ihr Leben getreten. Die Relevanz war da.

Und trotzdem hat man das Gefühl, dass gerade im Schulalter die Kinder und Jugendlichen den Wert von Religion weiter hinten ansiedeln. Woran könnte das liegen?

Das hängt aus meiner Sicht mit unserer Gesellschaft und mit dem Elternhaus zusammen. Denn Kinder selbst sind für mich ein unbeschriebenes Blatt, die alles annehmen, was ihnen von ihren Vorbildern vorgelebt wird.
Mit der Gesellschaft hängt es zusammen, weil Kirche hier neben anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften nicht mehr den zentralen Stellenwert hat, den sie noch vor einem Lebensalter hatte. Das hat vielerlei Ursachen, Ursachen von außen, aber auch hausgemachte. Einige Skandale der letzten Jahrzehnte haben da sicherlich auch zu beigetragen, und man übersieht, was Kirche alles Gutes tut.
Mit dem Elternhaus hängt es zusammen, weil den Kindern religiöse Praxis oft nicht mehr vorgelebt wird. Damit meine ich den sonntäglichen Kirchgang, das Hausgebet – am Tisch, am Morgen oder Abend – das Lesen der Bibel. Oft ist es so, dass die Großeltern als Wertevermittler nicht mehr im Haus wohnen, sondern in weiter Ferne. Weil eben auch oft im Krankenhaus oder im Seniorenwohnheim gestorben wird und nicht mehr zu Hause, Kinder also den Tod oft nicht mehr hautnah miterleben. Nicht zuletzt spielen auch die Medien eine Rolle, die die Kinder heutzutage viel mehr beeinflussen als vor einer Generation. Sie sind heutzutage oftmals die eigentlichen Erzieher, wenn die Eltern auf die Arbeit müssen. Die Frage wäre dann umgekehrt: wie kommt der Glaube bzw. wie kommt Kirche mehr in die Medien?

Was hat sich in unserer Gesellschaft verändert, dass Eltern, die zum Teil selbst religiös erzogen wurden, genau das heute nicht mehr bzw. weniger tun?

Ich denke, hier spielen einerseits gesellschaftliche Weichenstellungen eine Rolle, die schon vor vielen Generationen gestellt wurden. Der Autoritäts- und Bedeutungsverlust von Kirchen ist ein schleichender Prozess. Im letzten Jahrhundert wurde Kirche durch Nationalismus, Nationalsozialismus, Kommunismus oder auch dann in unserer westlichen Gesellschaft durch Individualismus und Kapitalismus zurückgedrängt.
Ein weiterer Grund seit dem Krieg ist sicherlich, dass es den Menschen vielleicht zu gut ging, so dass sie die Bedeutung von der Kirche nicht mehr sahen. Damals ging es auch um Machtfragen. Als die Jugend 1968 rebellierte, erachtete sie die Traditionen als altmodisch und überholt. Da wurde es schick, sich die eigene Weltanschauung zusammenzubasteln. Dann traten religiöse Fanatiker auf, die das Ansehen von Religion beschmutzten. Dazu kamen kirchliche Missbrauchsskandale.
Aber es sind auch innerkirchliche Gründe: Konservative und liberale Christen stritten sich über ethische Themen. Die Individualisierung der Gesellschaft zeigte sich auch innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Neben den Großkirchen etablierten sich freie Kirchen und Gemeinschaften – Und alle traten miteinander in Konkurrenz. Da Arbeitnehmer und Schüler nur noch am Wochenende Zeit hatten, mussten Kirchen, als zusätzlicher Anbieter von Freizeitaktivitäten, auch noch in Konkurrenz zu Vereinen und anderen Kulturanbietern treten. Das alles wirkte sich auch auf die heutige Elterngeneration aus.
Aber zu Ihrer Frage: Es ist nicht überall so, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr oder weniger religiös erziehen. Ich kenne auch viele Eltern, die gerade heute ihre Kinder wieder religiös erziehen, weil sie den Wert vom Glauben und der Gemeinschaft wiederentdecken. Vielleicht sehe ich hier sogar einen Trend.

Kann es sein, dass Familien die Religion heute zu „unbequem“ ist? Ich denke dabei an Argumente wie: „Der Gottesdienst ist eben zur falschen Zeit.“

Einerseits wünschte ich mir manchmal, dass Kirche mit ihren Forderungen und Vorstellungen „unbequem“ ist. Denn sie wirkt gerade für Christen, jenseits der Großkirchen, oft als zu angepasst. Hat nicht gerade Greta Thunberg gezeigt, dass man seine Überzeugung nur leben muss, um damit Erfolg haben zu können? Zeigten nicht der Klimawandel und die Corona-Krise, dass unser Lebensstil in mancherlei Dingen geändert werden muss?
Findet der Gottesdienst zur falschen Zeit statt? Ich glaube, es handelt sich manchmal nur um einen Vorwand, um die Schuld von sich wegzuschieben: „Ich möchte ausschlafen oder habe keine Lust, also sind die Gottesdienstanbieter schuld!“ Ich kann zumindest nicht feststellen, dass Angebote der Kirche am Samstagabend, am Sonntagabend oder unter der Woche besser angenommen werden. Und diese Möglichkeiten gibt es ja bei uns hier in Kulmbach.
Ja, zum Teil mag es an unserer Form des Angebots liegen. Oder auch an der Überzeugungskraft der kirchlichen Vertreter. Hieran können wir arbeiten. Aber teilweise liegt es auch daran, dass viele einfach nicht wollen, weil sie nicht müssen, und da kannst du noch so sehr einen Handstand in der Kirche machen. Ich frage mal umgekehrt: Sollte unsere Gesellschaft nicht den Wert von Ruhe und gemeinsamer freier Zeit, also kirchliche Sonn- und Feiertage, wiederentdecken? Auch, weil es die Schöpfung braucht? Kann der Gottesdienst nicht ein Ritual sein, das zur Entschleunigung und Besinnung beiträgt, so wie es gerade angesichts der Coronakrise gefordert wird?

Was löst das in Ihnen aus, dass immer weniger Leute in die Kirche gehen, mehr Kinder in den Ethikunterricht wechseln und immer mehr an ihrem Glauben zu Gott zweifeln? Wie haben Sie das zu Beginn ihrer Karriere wahrgenommen?

Zunächst einmal ist die Frage, ob immer weniger Menschen in die Kirche gehen. In meiner 25-jährigen Laufbahn als Pfarrer kann ich da Wellenbewegungen feststellen – je nachdem, wie gut Gemeinde zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen ist, wie sehr der Pfarrer mit seinem Engagement in der Gemeinde geschätzt wird, wie sehr er oder sie auch kluge Entscheidungen fällt und andere Menschen mit einbindet. Die Kurve kann sich dann sehr wohl nach oben verschieben. Und das habe ich auch erlebt. Durch Angebotsvielfalt und Beteiligung vieler sind immer wieder große Gottesdienstversammlungen mit voller Kirche dagewesen. Hier in Kulmbach bin ich noch nicht lang genug, um aus einer reichen Erfahrung zu schöpfen oder irgendwelche Prognosen abgeben zu können. Aber auch hier erlebe ich bereits: Wenn ein Thema die Leute anspricht und viele beteiligt sind, dann füllt das auch die Kirchen.

Wie bringen Sie als noch recht neuer Pfarrer in Kulmbach den Jüngsten in unserer Gesellschaft den Glauben näher?

Eines meiner Anliegen ist es in der Tat, bei den Jüngsten anzusetzen. Ich liebe es, mit Kindern im Kreis zu sitzen und mit ihnen biblische Geschichten durchzuspielen. Bei der Vorbereitung merke ich dann oft, dass es gar nicht so leicht ist, Dinge, die für uns Erwachsene selbstverständlich sind, Kindern beizubringen. Das ist auch immer eine Herausforderung. Aber es macht viel Spaß. Ich arbeite gerne mit Kindern. Sie sind noch so aufgeschlossen und ehrlich. Sie lachen und streiten. Und das mag ich. Ich habe selbst vier Kinder mit großgezogen, und ich glaube, das Wichtigste ist nicht einmal, was du anbietest, sondern dass du die Kinder einfach liebhast und sie dir nicht auf die Nerven gehen. Darum stört es mich auch nicht, wenn Kinder im Gottesdienst mal laut sind. Ich würde gerne noch mehr Familiengottesdienste halten. Aber im Moment bin ich durch die Coronakrise ziemlich eingeschränkt. Vieles musste und muss ausfallen. Und das tut weh.
Wenn Sie nach dem „Wie“ fragen, dann ist das eine Methodik-Frage, das kann ich so pauschal nicht beantworten. Ich war ja selbst einmal klein. Ich versetze mich in die Kleinen hinein und überlege mir, was sie wohl ansprechen würde. Und ich hole mir auch Tipps aus Büchern oder dem Internet. Viel Wechsel in der Methodik ist mir wichtig: Erzählen, Singen – gerne auch mit Bewegungen – Spiel, Basteln, Essen. Die Glaubensfragen an sich, die sind aus meiner Sicht zeitlos. Ich behaupte, die Glaubensthemen interessieren jeden.

Haben Sie Angst davor, dass der religiöse Glaube immer weiter aus der Gesellschaft wegbricht?

Nein. Definitiv: nein! Wie schon oben gesagt: Die religiösen Fragen sind menschlich und werden immer da sein. Auch wenn sich die Antworten im Laufe der Jahre vielleicht ändern oder ausdifferenzieren. Ich erlebe den christlichen Glauben in der Beziehung als besonders stark, weil aus meiner Sicht die Bibel uns oftmals in Bildern und mit Überschriften antwortet und uns die Freiheit lässt, in der jeweiligen Zeit die richtigen Antworten zu finden. Auch mein Glaube hat sich im Laufe des Lebens immer verändert. Aber er ist da. Glaube bedeutet Vertrauen. Wo kein Vertrauen mehr herrscht, da ist menschliches Leben in einer zivilisierten Form gar nicht möglich. Auch wenn die christliche Liebe oft missverstanden wird: Ohne Liebe ist das Leben sinnlos. Die christliche Hoffnung ermöglicht uns erst, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Davon bin ich überzeugt.

Audioslideshow Petrikirche

Der Gottesdienst mal anders?

Denken Sie, dass es den klassischen Gottesdienst in, sagen wir, 10 Jahren noch in dieser Form geben wird?

Ja, den wird es genauso noch geben wie neben ihm noch viele andere Formen. Denn das Ritual des Gottesdienstes ist eben auch für viele Menschen ein Halt für den Alltag. Wenn alles nur beliebig ist, Form und auch Inhalt, woran soll man sich dann noch halten?
Was wäre für Sie eine Alternativform? Würden Sie sich bei der Veränderung wohlfühlen?
Wie gesagt, es mag eine Ausdifferenzierung geben und die gab es über Jahrzehnte. Beispiele: Pietistische „Stund“, Evangelisationen, Taizégottesdienste, pfingstlerische Heilungsgottesdienste, charismatische Lobpreisgottesdienste, Alltagsexerzitien, Freiluftgottesdienste, Thomasmesse und noch vieles mehr. All das sind für mich auch Gottesdienste, solange sie im Namen Gottes beginnen und mit dem Segen Gottes enden. Und ich fühle mich bei jedem einmal mehr und einmal weniger zu Hause. Aber als Pfarrer mache ich vieles mit, wenn die Gemeinde das wünscht.

Wer legt eigentlich den Aufbau eines evangelischen Gottesdienstes fest? Wäre es einfach ihn zu verändern?

Die katholische Messe hat sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Martin Luther nahm sie zum Vorbild und entwickelte aus ihr 1526 die Deutsche Messe. Im Großen und Ganzen folgt unser heutiger evangelischer Gottesdienst mit seiner Grundform 1 (G 1) immer noch diesem Modell. Das ist ein Ritus, der für Kinder (auch für mich früher) oft langweilig erscheint, weil man nicht kapiert, warum er so ist wie er ist. Es erklärt einem halt auch keiner, bis man das dann im Konfirmandenunterricht mal lernt. Ehrlich, wir sollten immer wieder einmal an gewissen Sonntagen „Gottesdienst erklärt“ feiern, wo die einzelnen Abschnitte besprochen werden und die mittelalterlichen Lieder durch moderne ersetzt werden. Aber der Aufbau des Gottesdienstes folgt einem Ritus – oder wie es Manfred Josuttis mal formulierte dem „Weg ins Leben“. Das heißt: aus dem Alltag ankommen, vor Gott treten, das vor ihn bringen, was einen bewegt – Sorgen und Schuld, Not und schließlich Lob – dann auf sein Wort hören und es vom schriftkundigen Pfarrer ausgelegt bekommen, dann mit den Nachrichten aus der Gemeinde in die Fürbitten gehen und nach dem Vaterunser den Segen für die kommende Woche mit auf den Weg bekommen. Eigentlich ein nachvollziehbares Ritual, finde ich.

Viele Kinder und Jugendliche finden den Gottesdienst, insbesondere die Predigt, oft zu langweilig oder zu lange. Was wäre Ihrer Meinung nach, eine Methode, die Predigt besonders für Kinder etwas anschaulicher zu machen?

Oh, dazu gäbe es unzählige methodische Möglichkeiten: von Kleinigkeiten wie „einmal einen Witz einfügen“ oder „gereimte Predigt“ über methodische Anschauungsmaterialien bis hin zum Einsatz moderner Medien. Wenn so etwas zu wenig gemacht wird, liegt es meistens an der mangelnden Zeit für die Vorbereitung. Weil der Pfarrer ja nicht die ganze Woche zu Hause sitzt und nur überlegt, was er am Sonntag auf der Kanzel sagen könnte. Aber ich kenne viele, die das sehr gut beherrschen.

Ist für Sie der Gang in die Kirche ein wichtiger bzw. entscheidender Bestandteil des Glaubens?

Ja. Definitiv. Ein Sonntag ohne Kirche – da fehlt mir schon was. Für mich als Privatperson, nicht nur als Pfarrer, ist meine Woche ohne einen Sonntagsgottesdienst irgendwie nicht abgerundet. Denn im Gottesdienst komme ich zu mir selbst. Und: Im Gottesdienst erlebe ich Gemeinde, und das finde ich ganz wichtig auch für meinen eigenen Glauben. Das Zusammenkommen ist ein wichtiger Bestandteil, denn der Mensch braucht gemeinsame Rituale. Egal ob das gemeinsame Singen, das Beten oder die Fürbitten, das alles gibt den Menschen Kraft und sie bekommen das Gefühl von Gemeinschaft.

Bietet die Petrikirche, neben der Konfirmation, noch weitere Anlässe, um Kinder und Jugendliche in die Kirche zu locken?

Ja, durch Taufen, durch Kleinkindgottesdienste wie den „Gottesdienst für kleine Strolche“ oder den Kindergottesdienst „Time4Kids“, das Erzählen biblischer Geschichten im Kindergarten, den Kinderchor, das Krippenspiel oder das Kindermusical. Wir haben viele Ideen. Was im Moment noch fehlt ist die Zeit, alles umzusetzen, und die Zeit seitens der Mitarbeitenden, die ja auch noch ein eigenes Leben haben. Im Moment sind wir durch Corona völlig lahmgelegt. Und dann habe ich im Bereich der Jugendarbeit auch noch das Problem, dass man viele Jugendliche mit den herkömmlichen Medien nicht mehr so leicht erreicht. Wie soll ich denn einladen, wenn Jugendliche keine Zeitung lesen? Aber Gott sei Dank gibt es hier die Evangelische Jugend, die viele Jugendliche in Kulmbach erreicht.

Die Digitalisierung in den Kirchen

Wie weit sind die bayerischen Kirchen in Sachen Digitalisierung schon vorangeschritten?

Ich denke, sehr weit. Aber viele sind da viel weiter als ich.

Was hält die Pfarrer, besonders Sie selbst, eventuell noch ein bisschen davon ab, zusätzlich auf das Digitale zu setzen?

Die Zeit und die Kompetenz. Aber ich mache ansonsten schon viel digital. In meiner letzten Gemeinde musste ich den Gemeindebrief erstellen, und der kam gut an. Seit ich in Kulmbach bin, musste ich viel digital dazulernen, und das stresst schon. Oft fehlt einfach trotzdem das nötige Know-How.

Gibt es für Sie selbst eine Grenze was das Digitale betrifft? Stichwort: Gottesdienst-Live-Übertragung im Internet, Segensroboter oder einen Glaubens-Podcast?

Gottesdienst-Live-Übertragung kann ich mir vorstellen, habe ich aber in der Form noch nicht gemacht. Aber ich glaube, ich bräuchte dazu immer eine Gemeinde. Einfach so ins Nichts hinein zu sprechen, das wäre schon komisch. Segensroboter? Nie gehört. Klingt für mich auch komisch, weil Segen was Beziehungsmäßiges, was Persönliches ist. Das kann doch keine Maschine! Glaubens-Podcast finde ich gut, habe ich aber noch nie gemacht.

Was beziehungsweise wer genau hält die Entwicklung diesbezüglich noch zurück?

Die liebe Zeit. Als Pfarrer bin ich sehr viel auf der zwischenmenschlichen Ebene unterwegs. Sprich: in realen Gottesdiensten samt Kasualgottesdiensten, bei Seelsorgegesprächen, Besuchen, im Unterricht, in Gruppenstunden, Sitzungen und vielem mehr.
Und dann bleibt die generelle Frage: Brauchen wir mehr Digitalisierung und Vernetzung? Jetzt in Zeiten der Coronakrise, wo man nicht mehr aus dem Haus darf, ist die Vernetzung über die digitalen Medien ein Segen. Aber es gibt ja auch negative Folgen, wie erhöhten Stromverbrauch, Computer- und Handysucht, der Stress durch die fortwährende Erreichbarkeit, Hass im Internet oder die Anfälligkeit für Cyberattacken. Mal von normalen Zeiten ausgegangen: Brauchen wir nicht auch mal wieder mehr die persönliche Begegnung?

Der „neue“ Religionsunterricht?!

Was würden Sie von einer Zusammenführung des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts halten?

An vielen Schulen gibt es das sozusagen schon „unter der Hand“. In den Religionsgruppen sind dann katholische und evangelische (und bekenntnislose) SchülerInnen und werden von einer evangelischen ODER einer katholischen Lehrkraft unterrichtet. Manchmal ist das einfach organisatorisch die einfachere Lösung. Und natürlich spielen die konfessionellen Unterschiede im Vergleich zu früher eine viel geringere Rolle. Trotzdem finde ich es wichtig, diese noch zu benennen – weil sich darin ja durchaus auch die Vielfalt christlichen Glaubens zeigt. Es würde tatsächlich ein großer Teil religiöser Reichtum wegfallen, wenn man nur noch auf das zurückgreifen würde, was bei allen „gleich“ ist. Aber das ist sicher auch in einem ökumenischen Religionsunterricht möglich.
Wichtig finde ich, dass in jedem Fall im Religionsunterricht die Grundlagen des christlichen Glaubens nicht zu knapp behandelt werden. Meine SchülerInnen melden mir immer wieder zurück, dass sie es zwar interessant finden, sich mit anderen Religionen zu befassen – aber, dass ihnen dabei die eigene Religion gelegentlich zu kurz kommt. Da muss Schule halt auch einiges auffangen bzw. „nachholen“, was nicht mehr in den Familien geschieht oder auch nicht mehr geschehen kann.

Posted by Sarah Schmidt in Kindheit, Kindheit im Wandel der Zeit, Sarah Schmidt
Vegan – vielseitig und lecker

Vegan – vielseitig und lecker

Vegane Ernährung liegt voll im Trend. Es schmeckt nicht nur gut, es ist auch gesund.

In Deutschland leben rund sechs Millionen Vegetarier. Fast jeder Zehnte davon ernährt sich vegan, verzichtet also auf jegliche Produkte vom Tier. Doch ist eine rein pflanzliche Kost auch gesünder?

Wissenschaftliche Studien haben belegt: wer sich vegan ernährt, wird nicht so schnell krank und lebt auch noch länger.

Doch Vorsicht –  wer sich vegan ernährt, muss seine Nahrung sorgfältig aussuchen und sich vielseitig ernähren. Obst und Gemüse, aber auch Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte sollten regelmäßig auf dem Speiseplan stehen. Nüsse, Samen und pflanzliche Öle dürfen ebenfalls nicht fehlen.

Essen gehen ist nicht immer einfach. Aber auch in Kulmbach ist es möglich. Das „Patchwork“ bietet leckeres veganes Essen an – und nicht nur das. Auf der Speisekarte stehen auch Gerichte mit Fleisch. So findet jeder etwas zu Essen, unabhängig von seinen Ernährungsgewohnheiten.

Posted by Tanja Freiberger in Essen und Trinken, Tanja Freiberger, Unser Oberfranken
„Patchwork“

„Patchwork“

Bunt, vielseitig und lecker –

Das „Patchwork“ in Kulmbach

Bunte Muster und Schilder mit frechen Sprüchen an den Wänden, liebevolle Dekorationen und frische Blumen auf den Tischen – das „Patchwork“ in Kulmbach ist bunt, vielfältig – und außergewöhnlich. Nicht nur seine Einrichtung macht das Restaurant besonders, sondern auch die Gerichte, die hier serviert werden. Wer einen Blick in die Speisekarte wirft, der findet viele verschiedene Speisen: für Fleischesser, Vegetarier und Veganer.

Britta Weschenfelder eröffnete das Lokal 2016 gemeinsam mit ihrem Mann Oliver. Köchin Claudia Vonbrunn vervollständigt das „Patchwork“-Team. Wie das „Patchwork“ zu seinem Namen kam und was sie hier in den vergangenen Jahren erlebt hat, erzählt Britta Weschenfelder:

Von Vorspeisen über Suppen und kleinen Gerichten bis hin zu Burgern – die Speisekarte des „Patchworks“ ist bunt gemischt. Speisen aus den verschiedenste Kulturen und immer wieder besondere Spezialitäten finden hier ihren Platz. Und auch die süße Nachspeise kommt nicht zu kurz. Zu den Gerichten bietet das „Patchwork“ auch selbstgemachte Limonaden, fränkisches Bier und bunte Cocktails an.

SpeisekarteSpeisekarteSpeisekarteSpeisekarte

Mittags bietet das „Patchwork“ von Dienstag bis Freitag ein wechselndes, schnelles Mittagessen, ein sogenanntes „Quick Lunch“ an.

Die leckeren Speisen des „Patchworks“ und weitere aktuelle Informationen finden sich auch auf Facebook:

Syrischer Teller -vegan-• Humus• marinierter Blumenkohl mit Paprika• Weinblätter gefüllt mit Reis & Walnüssen dazu Knobi Fladenbrot

Gepostet von Patchwork am Dienstag, 9. Juli 2019

Haben Sie Lust auf leckeres (veganes) Essen?

Öffnungszeiten des „Patchwork“

Dienstag bis Freitag von 11:00 Uhr bis 14:00 Uhr
Dienstag bis Freitag ab 17:00 Uhr
Samstag und Sonntag ab 17:00 Uhr
Montag Ruhetag

Das Patchwork im Internet: http://www.patchwork-kulmbach.de/

Sind Sie Veganer, Vegetarier oder essen Sie alles? Stimmen Sie hier mit ab:

Posted by Tanja Freiberger in Essen und Trinken, Tanja Freiberger, Unser Oberfranken
Der Rote Turm – Wahrzeichen neben der Plassenburg

Der Rote Turm – Wahrzeichen neben der Plassenburg

Jetzt erstrahlt er wieder in neuer Pracht.

Neben der Plassenburg ist der Rote Turm ein weiteres Wahrzeichen von Kulmbach. Er zählt zu den ältesten Bauwerken der Stadt und hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich.

Nach einer umfangreichen Sanierung ist der Rote Turm wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Im Rahmen der Stadtführungen kann er jetzt wieder besichtigt werden.

Posted by Tanja Freiberger in Orte, Tanja Freiberger, Unser Oberfranken
Weithin sichtbar und absolut sehenswert: die Plassenburg

Weithin sichtbar und absolut sehenswert: die Plassenburg

Ungeahnte Schätze in Kulmbach

Die imposante Plassenburg ist ein Wahrzeichen Kulmbachs. Eine Besichtigung der Festung lohnt sich immer – nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische.

Hier sind spannende Informationen zur Geschichte der Burg, der Stadt und der Region zu erleben. Die Burg beherbergt vier Museen mit abwechslungsreichen Sammlungen: das Landschaftsmuseum Obermain mit wechselnden Sonderausstellungen, das Deutsche Zinnfigurenmuseum, das Museum Hohenzollern und das Armeemuseum,

In den Museen der Plassenburg finden sich manch außergewöhnliche Schätze.

Posted by Tanja Freiberger in Freizeit, Orte, Tanja Freiberger, Unser Oberfranken
Nächtliche Prügelei mit Folgen

Nächtliche Prügelei mit Folgen

War es vorsätzliche Körperverletzung oder Notwehr?

Was genau ist in der Nacht zum 28. November 2018 vor der Spielothek in der Albert-Ruckdäschel-Straße geschehen? Davon wurden bei der Verhandlung vor dem Kulmbacher Amtsgericht unterschiedliche Versionen erzählt. Fakt ist: es kam zu einer Schlägerei. Der Auslöser war banal. Der Roller der Zeugin N., Angestellte der Spielothek und Freundin des Angeklagten, wurde eingeparkt. Gleich zwei Mal im Laufe des Abends, beide Male vom Geschädigten J. und seinem Kumpel A. Die Zeugin war wütend und wollte die Angelegenheit mit den beiden jungen Männern klären. Leider ohne Erfolg. Sie lief zurück in die Spielhalle zum Angeklagten.

Offen blieb, ob die beiden Männer den Angeklagten direkt aufforderten, zu ihnen herauszukommen oder ob sie über die Zeugin Drohungen an ihren Freund weitergeben ließen. Das Ergebnis: der Angeklagte stürmte aus der Spielothek, es kam zu hitzigen Diskussionen und schließlich zu einer Prügelei. Leidtragender war der Zeuge J., der dabei erheblich verletzt wurde (Nasenbeinbruch, Risswunde am Ohr etc.). Diese Verletzungen mussten später im Klinikum Kulmbach behandelt werden. Der muskulöse Angeklagte war dem eher schmächtigen Zeugen J. körperlich offensichtlich überlegen. Er selbst will bei der Auseinandersetzung auch verletzt worden sein. Seine Freundin meint, sich an ein blaues Auge erinnern zu können. Beim Arzt war der Angeklagte jedoch nicht.

Der Angeklagte schwieg bisher zu den Vorfällen

Vor Gericht schilderte der Angeklagte erstmals die Geschehnisse der fraglichen Nacht aus seiner Sicht. Der Zeuge J. habe ihn mit einer Bierflasche angegriffen und er habe deswegen in Notwehr gehandelt. Und so forderte er über seinen Anwalt Freispruch. Seine Version unterschied sich aber von den bisherigen Ermittlungen der Polizei. Der Angeklagte konnte auch nicht erklären, wieso er derartig brutal gegen den unterlegenen Zeugen J. vorging.

Die Frage nach der Bierflasche tauchte in der Zeugenvernehmung immer wieder auf. Die Zeugen J. und A. bestritten einen Angriff mit einer Bierflasche. Außer den beiden Zeugen und dem Angeklagten hat niemand die Schlägerei gesehen. Zumindest konnte kein Zeuge ermittelt werden, der die Version des Angeklagten bestätigte. Gegen den Angeklagten sprach auch, dass er – im Gegensatz zu den Zeugen – einschlägig vorbestraft ist.

Unzufrieden mit dem Verhandlungsverlauf

Zu Beginn präsentierte sich der Angeklagte noch sehr zurückhaltend. Im Laufe der zweistündigen Verhandlung verlor er zunehmend die Kontrolle über sich. Sein Anwalt konnte ihn kaum mehr zurückhalten.

Die Version des Tathergangs des Angeklagten konnten letztlich weder die junge Staatsanwältin noch die Richterin überzeugen. Bei der Urteilsverkündung widersprach der Angeklagte weiter der Richterin und musste mehrfach ermahnt werden. Verurteilt wurde er dann auch wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Haarscharf kam er noch einmal an einer Gefängnisstrafe vorbei. 4500 Euro (150 Tagessätze) muss er jetzt zahlen – und die Kosten des Verfahrens.

Posted by Tanja Freiberger in Panorama, Tanja Freiberger, Unser Oberfranken
Omas Beerdigung war der Anfang

Omas Beerdigung war der Anfang

Ein Trauerfall versetzt uns in einen Ausnahmezustand. Es ist wichtig, jemand an seiner Seite zu haben, dem man vertrauen kann.
Michael Stübinger ist aus vollem Herzen Bestatter.

„Eigentlich wollte ich in vier Wochen aufhören.“ Michael Stübinger wird Ende Juli 60. Fast ein Viertel Jahrhundert arbeitet er in einem Beruf, in dem er sich täglich mit einem schwierigen Thema auseinandersetzen muss: Mit dem Tod. Der Kulmbacher Stadtrat Stübinger ist hauptberuflich Bestatter. Das hat heute nichts mehr mit dem bierernsten Totengräber von früher zu tun. Michael Stübinger ist ein stattlicher Mann, groß, braungebrannt. Mit einem markanten Schnäuzer und kleinen Lachfalten um die Augen. Korrekt gekleidet, mit weißem Hemd und blauer Krawatte, trotz der großen Hitze. Er lacht gerne und viel, sein trockener Humor macht das Thema Tod erträglicher.

Schon mit 18 hat er bei der Beerdigung seiner Großmutter das Gefühl, das ist ihm nicht würdevoll genug. Er würde einiges anders machen. Dennoch schlägt er erst andere Wege ein. Er wird Kaminkehrer, verpflichtet sich 12 Jahre bei der Bundeswehr, studiert Umwelttechnik und arbeitet bei einem Kulmbacher Unternehmen. Am Bierfest 1995 trifft er einen ehemaligen Kollegen, der inzwischen auf dem Friedhof arbeitet. Michael Stübinger beschließt: „Ich denke, ich mache ein Bestattungsinstitut auf.“ Der Bekannte erzählt ihm von einem Bestatter, der aus gesundheitlichen Gründen einen Nachfolger sucht. Dann geht es schnell. Im August unterschreibt er die Verträge, ab dem 1. Oktober gehört ihm das Bestattungsinstitut. Ahnung hat er von dem Metier da noch nicht. Damals ist Bestatter kein Ausbildungsberuf. Ein Gewerbeschein genügt. Die Kenntnisse muss sich Michael Stübinger selbst aneignen. Der Vorbesitzer verspricht, ihn einzuarbeiten. Doch dann kommt es völlig anders. Am 26. September stirbt der Mann und Stübinger hilft beim einbetten. Es ist seine erste Beerdigung als Bestatter.

Bestatter ist ein Job rund um die Uhr

Es ist ein hartes Geschäft. Stübinger erzählt: 24 Stunden muss er erreichbar sein, 365 Tage im Jahr. Am Anfang hat er alles alleine gemacht, dann übernahm seine Frau die Büroarbeit. Inzwischen hat er vier Angestellte. Diese übernehmen nun auch Bereitschaftsdienste, entlasten ihn. Aber: die schwierigen Fälle bekommt doch immer er. Stübinger wird ernst. Schwierig, das ist für ihn, wenn Kinder sterben, Suizide. Leichenteile aufklauben. Damit muss er fertig werden. Polizei-Leichen nach Unfällen, das macht er seit sechs Jahren nicht mehr. Das war ein zu schweres Geschäft, mit noch mehr Bereitschaftsdienst und wenig Anerkennung.

Wichtig ist es für ihn, auch mal Abstand zu gewinnen. „Man kann mit den Angehörigen mitfühlen, aber man darf nicht mittrauern, sonst zerbricht man irgendwann“. So ganz scheint er es aber nicht zu schaffen. Vor 10 Jahren hat er den ersten Herzinfarkt. Michael Stübinger ist immer für alle da. Er möchte es perfekt machen. Aber jetzt auch mal Zeit mit seiner Frau und seinem jungen Hund genießen. Allerdings fehlt ihm ein Nachfolger. Er hatte auf seine Kinder gesetzt. Die Beiden sind in das Geschäft von klein auf mit hineingewachsen. Seine Tochter machte nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau als eine der Ersten die neue Ausbildung zur Bestatterin. 12 Jahre hat sie im Familienbetrieb mitgearbeitet, bis es ihr zu viel wurde. Ihr erster Beruf sei nervenschonender, sie arbeitet jetzt wieder als Bürokauffrau.

Nachfolger dringend gesucht

Stübinger möchte sein Lebenswerk nicht an irgendjemanden übergeben. Er sucht einen Nachfolger, der das Beerdigungsinstitut in seinem Sinn weiterführt. Fast schon hatte er eine Nachfolgerin gefunden. Eine junge Bestattungsmeisterin, mit dem besten Abschluss in Deutschland kam sie nach Kulmbach. Nach einem Jahr stieg sie mit ins Geschäft ein. Doch dann fiel sie aus gesundheitlichen Gründen plötzlich längerfristig aus. Die junge Frau wird wahrscheinlich nie mehr in dem Beruf arbeiten können. Damit ist auch die Übernahme des Geschäftes geplatzt. Stübingers Sohn trat in die Fußstapfen des Vaters und wurde Kaminkehrer. Dennoch setzt Stübinger alle Hoffnungen in ihn: Sein Sohn hilft immer noch mit, wenn Not am Mann ist. Stübinger klingt hoffnungsvoll: Vielleicht übernimmt der Sohn das elterliche Geschäft doch noch, eventuell in drei Jahren. Gerne würde er dann weiter mithelfen, aber die Verantwortung abgeben.

Michael Stübinger erzählt sehr engagiert von seinem Beruf. Er machte ihn immer gerne, zumindest bis vor fünf oder sechs Jahren. Er will den Toten einen letzten Dienst erweisen. Sie gut zurechtmachen, für den letzten Anblick. Für ein schönes, würdevolles Bild, das den Angehörigen im Gedächtnis bleiben soll.

Er wird ernst. In den letzten Jahren wurden die Anforderungen immer höher. Die Kunden wollen immer mehr, ein letztes großes Ereignis inszenieren, sehen ihn als eine Art Last-Event-Manager. Das gefällt ihm nicht. Für ihn gilt das Motto: „Dienst den Lebenden. Würde und Ehre den Verstorbenen.“

An fast alle Beerdigungen kann er sich noch gut erinnern. Wie er mit den Angehörigen am Tisch saß, sich Geschichten aus dem Leben des Verstorbenen angehört hat. Stübinger kann gut mit Menschen umgehen. Ihnen das Gefühl geben, sie sind wichtig, der Verstorbene ist wichtig. Sein trockener Humor hilft in den schweren Stunden, sich auch an schöne Dinge zu erinnern, auch mal Lachen zu können. Positiv sind dann auch die Rückmeldungen. Er freut sich über jedes Dankschreiben, manchmal kommen auch kleine Aufmerksamkeiten von zufriedenen Angehörigen. Gerne erinnert er sich an das positive Schreiben, das Thomas Gottschalk ihm geschickt hat. Die Beerdigung für Gottschalks Mutter hatte er gestaltet. Er hat Rutila Gottschalk auch gut gekannt, sie hat zwei Häuser über seinem Büro gelebt.

Manchmal kommt es anders

Michael Stübinger will immer sein Bestes geben, eine perfekte, würdevolle Beerdigung ausrichten. Trotzdem läuft auch bei ihm nicht immer alles nach Plan. Schon ziemlich am Anfang seiner Bestatterlaufbahn hatte er ein kurioses Erlebnis. Ausgerechnet am 11.11. Anlass: Eine große Beerdigung des Schwiegervaters eines Kulmbacher Ehrenbürgers. Die Friedhofskapelle rappelvoll. Alles scheint gut vorbereitet. Der geschmückte Sarg wird an Stübinger vorbeigerollt. Er schaut, dann stockt ihm der Atem: auf dem Wagen steht der falsche Sarg. Heute kann er darüber lachen. Damals wäre er am liebsten im Erdboden versunken. Es half nichts. Wie ein armer Sünder stand er mit trockenem Hals vor der versammelten Trauergesellschaft und gab seinen Fehler zu. Der Sarg wurde gegen den Richtigen getauscht und es konnte doch noch der richtige Tote betrauert werden. Diese Beerdigung wird er nie vergessen, sein Verhalten hat ihm aber auch Sympathie in Kulmbach eingebracht.

Sein Organisationstalent war auch bei einem anderen ungewöhnlichen Fall gefragt: Zwei Stunden vor der Beerdigung riefen die Angehörigen an, das Grab sei ja gar nicht offen. Stübinger forschte nach: in der Friedhofsverwaltung war ein Zahlendreher passiert. Ein Grab war geöffnet und komplett abgetragen worden, nur leider das falsche. Schnell aktivierte er seine eigenen Grabmacher, die mit ihrem Bagger anrückten, der Steinmetz lies sein Mittagessen stehen und kam auch auf den Friedhof. Zwischendrin hatte Stübinger noch eine andere Beerdigung. Er habe den Pfarrer gebeten, ein Lied mehr singen zu lassen, damit sie noch etwas mehr Zeit hätten. Geschafft haben sie es noch rechtzeitig, aber Stübinger sagt lachend: „In der Zeit bin ich um zehn Jahre gealtert.“

Für seine letzte Ruhestätte hat er auch schon Pläne. Er überlegt, sich eine Gruft in Kulmbach zu kaufen. Was für einen Vorteil das hat? Er lacht: „Keinen. Aber am Jüngsten Tag tu ich mir leichter mit dem ´rauskrabbeln.“

Michael Stübinger

Posted by Tanja Freiberger in Panorama, Tanja Freiberger, Unser Oberfranken