Was macht ein Sommerlochkrokodil im Winter?

Für gewöhnlich schaffen Schlangen, Schildkröten oder Krokodile es nur dann in unsere Zeitungen, wenn Redaktionen unterbesetzt sind. Einige Menschen sind jedoch auch noch dann für diese ausgesetzten Kreaturen da, wenn das Sommerloch vorbei ist und bieten ihnen eine Heimat.

Rotwangen-Schmuckschildkröte am Bamberger Hainweiher

Wie viele von uns, verbringt auch Helga den goldenen Oktober 2018 an einem Teich. Dort genießt sie es, sich die Sonnenstrahlen auf den Rücken prasseln zu lassen und im kühlen Wasser ihre Bahnen zu schwimmen. Am 26. Oktober endet Helgas Traumsommer jäh. Bei ihrem Badeteich wird das Wasser abgelassen. Sie wird eingefangen und ins Bamberger Tierheim Berganza gebracht. Gerade rechtzeitig, denn den Winter hätte Helga draußen vermutlich nicht überlebt. Helga ist eine Schildkröte – um genau zu sein: eine Indianer-Zierschildkröte – und etwa so groß, wie ein Pizzateller. Damit ist sie fast so groß, wie die Alligatorschildkröte Suarez, die von 2014 bis 2016 Seen in Mittelfranken und die Sommerlöcher deutscher Mendien unsicher machte.

Wenn Fundreptilien ins Bamberger Tierheim kommen, erhalten sie zu allererst einen neuen Namen – Schildi etwa oder Terri oder eben Helga. Dann untersuchen die Mitarbeiter des Tierheims sie auf Krankheiten, vermessen und fotografieren sie. Falls Zweifel bestehen, versuchen sie zudem festzustellen, welcher Art das jeweilige Tier angehört. Das ist nicht immer ganz einfach. Helga beispielsweise ist ungewöhnlich groß für ihre Art. So etwas kann passieren, wenn der Vorbesitzer sein Tier falsch gefüttert hat.

Angeschafft, um die Individualität ihrer Besitzer zu unterstreichen

Indianer-Zierschildkröten wie Helga sind eigentlich nur in Mexiko und Teilen der Vereinigten Staaten heimisch. Das haben sie mit ihren Cousins, den Hieroglyphen-Schmuckschildkröten und den drei Arten der Buchstaben-Schmuckschildkröte (Gelbwangen-, Rotwangen- und Cumberland-Schmuckschildkröte), gemeinsam. Trotzdem finden Tierschützer jedes Jahr zahllose dieser Tiere in deutschen Teichen. Der Trend zu Haustieren wie Schlangen und Schildkröten begann in den 90er Jahren. Je seltener, umso besser. Reptilien und andere Exoten wurden zu Accessoires - nur angeschafft, um die Individualität ihrer Besitzer zu unterstreichen. Die meisten Besitzer hatten kaum oder wenig Ahnung, auf was sie sich bei der Anschaffung dieser Tiere einlassen. Das hat sich bis heute nicht geändert.

So sieht Helga in Aktion aus. Sie gehört eher zu der gemütlichen Sorte.

„Wenn man diese Tiere im Laden kauft, dann sind sie meist kaum größer als ein Fünfmarkstück“, erklärt Peter König, der erste Vorstand des Bamberger Tierheims. Dass sie später mal Ausmaße wie Helga annehmen können, überrascht die Käufer erst später. „Ausgewachsen passt die Schildkröte dann oft nur noch diagonal ins Aquarium“, so König. Auch vergessen viele Leute, wie alt Reptilien werden können. „Manche Leute erben auch so ein Tier von ihren Eltern oder Großeltern und sind dann überfordert“, sagt Stefanie Friedl, welche als Leiterin der Kleintierabteilung im Tierheim Bamberg auch für Reptilien zuständig ist. „So eine Schildkröte ist von ihrer Lebensspanne eben nicht mit einem Kaninchen vergleichbar. Da schenkt man seinem Kind Verantwortung für sein ganzes Leben.“ Manche Arten werden sehr alt.

Ausgesetzte Exoten nicht nur in Oberfranken

Dass viele Menschen sich bei der Anschaffung von Haustieren zu wenig Gedanken machen, kritisiert auch Petra Taint von der Reptilienauffangstation in München. Dort landen bayernweit alle Exoten, mit denen sich kleinere Tierheime, wie das in Bamberg, überfordert fühlen. Allein 2018 waren das 911 Tiere, darunter zahlreiche Schlangen, Schildkröten, Lurche sowie einige exotische Fische und sogar Krokodile. „Viele schaffen sich bestimmte Tiere an, weil sie gerade im Trend sind“, sagt Taint. Ein Beispiel dafür seien sogenannte Morphe, sprich spezielle Züchtungen etwa bei Schlangen, die über besonders auffälliger Zeichnungen verfügen. „Kaum ist so ein Trend vorbei, werden viele dieser Tiere ausgesetzt und landen am Ende bei uns.“

Eigentlich ist die Reptilienauffangstation München nur für Fundtiere aus Bayern verantwortlich. Da es bundesweit jedoch nur wenige Einrichtungen gibt, die ausgesetzte Exoten versorgen können, kommen auch Tiere aus anderen Bundesländern nach München. In den vergangenen drei Jahren verzeichnete die Reptilienauffangstation so 3316 Neuzugänge.

Dieses Problem der Wegwerf-Tierhaltung hat mittlerweile sogar die EU auf den Plan gerufen. Denn manche Exoten sind bei uns zwar nicht heimisch, fühlen sich aber dennoch bei uns recht wohl. 2016 beschloss die Staatengemeinschaft, alle drei Arten der Buchstaben-Schmuckschildkröten auf ihre Liste der „invasiven gebietsfremden Arten“ zu setzen. Hier stehen die beliebten Aquarienbewohner nun gemeinsam mit Waschbären, Nilgänsen und der Bisamratte. Im Gegensatz zu diesen anderen Arten breiten sich die Buchstaben-Schmuckschildkröten jedoch nicht selbstständig aus. Dadurch zeichnen sich invasive Arten eigentlich aus. Die Schildkröten können lediglich den Winter bei uns überleben. Verbreitet werden sie nahezu ausschließlich durch den Menschen. Zwar werden auch andere Schildkrötenarten in Karpfenteichen ausgesetzt, diese verenden jedoch jämmerlich sobald es kalt wird. Meist an einer Lungenentzündung.

Die EU unterstellt den Buchstaben-Schmuckschildkröten zudem, heimische Amphibien wie den Kammmolch zu bedrohen – und darüber hinaus auch die Europäische Sumpfschildkröte. Die ist so selten, dass viele Menschen gar nicht von ihrer Existenz wissen. 2018 wurde sogar ein Exemplar in Bamberg entdeckt und um sicher zu gehen gleich ins Tierheim gebracht. Für Wildtiere gehen solche Aktionen oft mit viel Stress einher und manch ein Tier überlebt dieses Erlebnis auch nicht.

Endstation Auffangstation

Mit ihrer Listung dürfen die Buchstaben-Schmuckschildkröten nun nicht mehr gezüchtet oder gehandelt werden. Das freut Tierfreunde, denn damit verschwinden diese drei Arten aus den Ladenflächen. Einrichtungen wie das Tierheim Bamberg und die Reptilienauffangstation stellt das Gesetz jedoch vor neue Herausforderungen, denn auch sie bleiben auf vielen der Fundtiere sitzen. „Nur jedes zweite Tier, das wir bekommen, können wir auch wieder weitervermitteln“, sagt Taint. Selbst Zoos hätten oft kein Interesse, ausgesetzte Exoten aufzunehmen.

Dies sind einige Bilder der Sumpfschildkröte, die im Bamberger Tiereim abgegeben wurde. Nach der Artbestimmung brachten die Mitarbeiter des Tierheims sie wieder zurck zu ihrem Teich.

Quelle: Peter König, Tierheim Bamberg

Auch Stefanie Friedl ist mit der aktuellen Gesetzeslage nicht so recht zufrieden: „Dann verkaufen die Zoohandlungen halt andere Arten, die nicht als invasiv gelten.“ Daran, dass verantwortungslose Besitzer ihre Tiere klammheimlich in der Wildnis entsorgen, ändere das Verbot der Buchstaben-Schmuckschildkröten nichts.

Das Bamberger Sommerlochkrokodil hat Glück. Helgas Art braucht zwar Dokumente, die dem Tierheim viel Arbeit bereiten. Sie darf aber weitervermittelt werden. Und wenige Wochen vor Weihnachten findet sich auch jemand, der sie aufnehmen möchte – obwohl sie für die meisten Aquarien zu groß ist. So muss sie Weihnachten nicht im Tierheim bleiben und verbringt den Rest ihres Lebens hoffentlich bei jemandem, der sie zu schätzen weiß.

Stefanie Friedl ist Helgas Tierpflegerin im Tierheim Bamberg. Helga ist nicht der erste Exot in ihren Händen.